Wie wir uns verlieben

Was passiert mit uns, wenn wir uns verlieben – wenn wir lieben? Kommen die Gefühle aus Herz, Bauch oder Gehirn? Diese Frage versuche ich mit Hilfe von Dr. Helen Fisher herauszufinden. Erfahre, welche Erkenntnisse sie gemacht hast und was sie für dich und dein Liebesleben, deine Beziehung bedeuten.

Lesedauer

Ca. 4 Minuten

Die US-amerikanische Anthropologin und Ethnologin Dr. Helen Fisher untersucht schon seit Anfang der Neunziger Jahre Geschlechterunterschiede und die Entwicklung menschlicher Emotionen. 2005 veröffentlichte der Spiegel ein Interview mit ihr: „Der stärkste Trieb der Welt“. Die Zeitschrift bezeichnete sie als “eine der weltweit bekanntesten Liebesexpertinnen”.

Da wollte ich es genauer wissen, vertiefte mich in ihre spannenden Erkenntnisse. Die möchte ich nun mit dir teilen. Dazu nehme ich einen von Helen Fisher TED Talks, „Helen Fisher erklärt, warum wir lieben und betrügen“, den sie 2006 hielt. (Sieh ihn dir an, es lohnt sich – auch wenn der Titel einen in die Irre führt!)

Lass uns starten…

Was eigentlich ist Liebe?

Seit der Anktike fragen sich die Menschen, was romantische Liebe eigentlich ist.

Fisher filterte aus unterschiedlichen psychologischen Untersuchungen aus 45 Jahren (1961 bis 2006) heraus, was passiert, wenn wir uns verlieben:

  1. Spezielle Bedeutung
    D.h. die Frau, in die du dich verliebst, wird zum Zentrum deiner Gedanken. Du bist absolut fokussiert auf sie. Alles womit sie zu tun hat oder zu ihr gehört (z.B. ihre Vorlieben, ihr Lieblingsessen, ihre Lieblingsband, ihr Job, ihre Hobbys) haben plötzlich eine ganz besondere Bedeutung.
  2. Gewaltiger Energieschub
    Du denkst, alles ist möglich. Du könntest Bäume ausreißen und du verspürst intensive Freude, wenn es gut läuft (und wenn nicht, bist du am Boden zerstört). Die Frau beeinflusst deine Gefühle in anderen Lebensbereichen und macht dich richtig abhängig von ihr.
  3. Starkes Verlangen
    Du hast ein starkes Verlangen, mit dieser Frau zusammen zu sein… nicht nur sexuell sondern auch emotional! Du möchtest mit ihr viel Zeit verbringen, dich mit ihr austauschen und hören, dass sie dich toll findet.
  4. Sexuelle Besitzergreifung
    Du möchtest nicht, dass sie mit einer anderen Frau schläft. Wenn du nicht verliebt in sie wärst, wäre dir vollkommen Wurst, mit wem sie in die Kiste springt.
  5. Motivation
    In deinem Kopf arbeitet es wie verrückt und du möchtest diese Frau so sehr.
    Leider hat Fisher hier nicht mehr dazu gesagt. Ich verstehe es so, dass du von innen heraus den Antrieb verspürst und alles daran setzt, die Frau zu erobern und mit ihr glücklich zu sein.
  6. Besessenheit
    Du würdest für diese Frau sterben (zumindest die jüngeren Verliebten).

Ja, und das alles spielt sich nicht im Herzen, sondern in deinem Kopf ab. Mit Hilfe des MRT entdeckte Fisher Veränderungen im Gehirn, sobald die Proband*innen an ihren Schwarm dachten. Es wurde eine hohe Aktivität in verschiedenen Hirnregionen sichtbar.

Für die Vermehrung und Reproduktion der menschlichen Rasse*, haben sich laut Fisher drei Gehirnsysteme entwickelt:

  1. Begierde (Sexualtrieb)
    Er macht, dass du auf rein körperlicher Basis nach ganz vielen möglichen Sexualpartnerinnen Ausschau hältst.
  2. Romantische Liebe (Begeisterung und Besessenheit)
    Nachdem du ein ganzes Feuerwerk an Frauen gesichtet hast, fokussierst du dich nun nur auf eine Frau und konzentrierst all deine Energie auf sie. Das spart vor allem Zeit und Energie bei der Vermehrung und Reproduktion – nicht, dass das bei uns von Interesse wäre, aber okay.
  3. Bindung (Sicherheit, Wärme, Ruhe)
    Hier wird es heimelig, es entsteht eine Bindung zwischen euch, die es laut Fisher möglich macht, den Partner zu tolerieren, zumindest so lange, bis man die Kinder großgezogen hat (in der Regel waren das vier Jahre).

Diese drei Gehirnsysteme (Begierde, romantische Liebe und Bindung) arbeiten nicht immer zusammen. Es kann z.B. sein, dass du mit einer Frau gelegentlich schläfst sprich Orgasmen hast und du eine hohe Ausschüttung an Dopamin erfährst, was mit romantischer Liebe assoziiert ist. BUM! Orgasmus = du verliebst dich.

Mit dem Orgasmus bekommst du ebenfalls einen großen Schub an Oxytocin und Vasopressin und die werden mit dem Gehirnsystem Bindung assoziiert: Nachdem du mit der Frau geschlafen hast, verspürst du eine extrem starke Bindung mit ihr. Schon verrückt, dass die Hormone im Kopf die Gefühle im Herzen steuern!

Du kannst eine tiefe Verbundenheit mit deiner Langzeitpartnerin haben, aber gleichzeitig intensive romantische Liebe für eine andere Frau empfinden und wiederum gleichzeitig mit einer anderen Frau schlafen wollen.

Helen Fisher bringt es auf den Punkt: Wir sind fähig, mehr als eine Person gleichzeitig zu lieben.

* Auch wenn es bei uns beim Sex nicht um die Reproduktion geht, funktioniert unser Gehirnsysteme genauso.

Frauen so interessant wie noch nie

Das muss ich noch loswerden – auch wenn es wenig mit der Verliebtheit oder Liebe an sich zu tun hat.

Einen äußerst interessanten und wahren Gedanken, den Fisher formuliert hat: Es geht um die zwei ausgeprägten sozialen Trends der letzten 10.000 und vor allem der letzten 25 Jahre – zum einen erobern Frauen die Arbeitswelt und zum anderen werden die Menschen älter (früher hat man halt 10-15 Jahre mit dem Partner verbracht, heute können es locker das drei- bis fünffache sein – bis der Tod sie scheidet).

Durch diese Veränderung haben wir folgende geniale Situation: Frauen waren in der Geschichte der Menschheit noch nie so interessant wie heute. Wir waren noch nie gebildeter, fähiger und vielfältiger.

Hey, lass dir das mal auf der Zunge zergehen. Da draußen laufen unfassbar tolle, talentierte, intelligente, aufregende Frauen herum, die darauf warten, dich kennenzulernen.

Fazit und Zusammenfassung

Was haben wir von Dr. Helen Fisher gelernt?

Dass es ohne Begierde, ohne romantische Liebe und Bindung keine Liebe und Beziehung gibt. Wir brauchen die Begierde als Sexualtrieb, um durch Hormone, die beim Sex und Orgasmus ausgeschüttet werden, romantische Liebe und Bindung zu empfinden.

Trotzdem können diese drei Gehirnsysteme getrennt voneinander auftreten. Wir sind fähig, mehrere Personen gleichzeitig zu lieben, falls jede begehrte Frau ein anderes Gehirnsystem anspricht.

Was heißt das für dich, dein Liebesleben und deine Beziehung?

  1. Du solltest dich vor zwanglosem Sex in Acht nehmen: Die Hormone können dich verliebt machen, auch wenn die Frau gar nicht die Richtige für dich ist.
  2. Es kann bei Langzeitbeziehungen dazu kommen, dass du auch mal eine andere Frau anziehend und aufregend findest, dass du für eine andere Frau schwärmst, aber nicht ausleben muss, so dass es nicht in einem Desaster oder gar in einer Trennung enden muss.
  3. Sex, Liebe und Bindung sind wichtig für eine glückliche Beziehung.
  4. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir betrügen, ist größer, wenn das Gehirnsystem der Begierde von der Partnerin nicht befriedigt wird.

Es ist richtig dumm, wenn die Frau in die du dich verliebt hast, nicht in dich verliebt ist. Wieso leitet uns das Unterbewusstsein zu einer Frau, die kein Interesse hat? Das vergeudet doch unsere Zeit beim Finden der wahren Liebe. Liebeskummer ist eine hässliche Angelegenheit und sollte uns erspart bleiben – und doch ist die schmerzliche Erfahrung nicht Grund genug, gleich die erste Freundin zu heiraten.

Nichtsdestotrotz, verliebt zu sein ist aufregend und treibt uns an. Aber dann bitte glücklich und mit der richtigen Frau an der Seite – auch wenn man bis zu ihr vielleicht in einige saure Äpfel hatte beißen müssen.

Jasna
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