Sind homosexuelle Beziehungen weniger stabil als heterosexuelle?

Welche Beziehungen halten länger – hetero- oder homosexuelle*? Die Ergebnisse unserer Umfrage auf Instagram waren eindeutig: 81 % waren überzeugt, dass homosexuelle Beziehungen nicht weniger stabil sind als heterosexuelle. Hätten wir auch gedacht (und wären wir auch definitiv dafür) – aber die Wissenschaft sagt leider etwas Anderes.

Lesedauer

Ca. 7 Minuten

Erst kürzlich suchte ich nach Informationen zur Treue in homo- vs. heterosexuellen Beziehungen. Vor Jahren hatte ich auf einem Pride «gelernt», dass Frauen ihren Herzdamen deutlich seltener fremdgehen als Frauen ihren Männern (und umgekehrt natürlich) – Ha!

Dabei stolperte ich über einen Artikel in der Psychology Today, bei dem mir beim Lesen schier die Kinnlade runterklappte.

Dort wurde behauptet, dass homosexuelle Beziehungen weniger stabil seien als heterosexuelleWHAAAAT? Kann das wirklich sein?

Unglaublich aber wahr!

Der Artikel bezieht sich auf eine aktuelle Studie mit mehr als 14.000 Personen im Alter zwischen 24 und 32 aus den USA; darunter Personen in Beziehungen zwischen Frau und Mann, Mann und Mann und natürlich zwischen Frau und Frau (Joyner, Manning, & Bogle, 2017).

Die Forscher befragten die TeilnehmerInnen zu ihrer letzten bzw. aktuellen Beziehung und ob sie zusammenwohnen bzw. zusammengewohnt haben.

Die Studie bestätigte die Ergebnisse vorheriger Studien (auch in Europa**):

Homosexuelle Beziehungen haben ein höheres Trennungsrisiko und sind damit im Schnitt kürzer als heterosexuelle!! Und das gilt sowohl für Männer- als auch für Frauenpaare.

Nerd-Alarm – Für alle, die es genauer wissen wollen

Bezogen auf die gesamte Beziehungsdauer trennten sich Männerpaare am wahrscheinlichsten im Verlauf von 5 Jahren (49%). Heteros hatten das geringste Trennungsrisiko (18%); Frauenpaare lagen dazwischen (19-26% im 4. und 5. Jahr), aber weit näher an den Hetero-Paaren.

Wenn die Paare bereits zusammenwohnten, sahen die Ergebnisse etwas anders aus. Hier waren es wieder Hetero-Paare mit dem geringsten Trennungsrisiko (9%). Sowohl Frauen- als Männerpaare hatten ein ca. doppelt so hohes Risiko, sich zu trennen, wenn sie zusammenwohnten (18%).

Bei Hetero- und Männerpaaren war das Risiko sich zu trennen also deutlich geringer, wenn sie zusammenwohnten. Gerade für Männerpaare war der Unterschied enorm. Bei Frauenpaaren hingegen war das Trennungsrisiko nahezu gleich hoch — egal ob sie zusammen wohnten oder nicht.

Zusammenziehen scheint für Frauenpaare also keine stabilisierende Wirkung zu haben.

Warum ist das so?

Die Wissenschaftler meinen, dass gleichgeschlechtliche Paare durch ihren Status als Minderheit einem größeren Stress ausgesetzt sind (Meyer, 2003; Lau, 2012), der sich negativ auf die Beziehung auswirkt.

Für diese Hypothese spricht auch, dass Unterschied in der Beziehungsstabilität zwischen Homo- und Hetero-Paaren seit Jahren schwindet, während die gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung von homosexuellen Paaren ansteigt.

Aber wenn du mich fragst, gibt es noch weit plausiblere Gründe als „Minderheitenstress“. Zum Beispiel, dass weit weniger homosexuelle Paare verheiratet sind und homosexuellen Frauen oft unabhängige und selbstbestimmte Individuen sind (s.u.).

Zusammenziehen hilft nicht…

Wenn Paare zusammenziehen, verringert sich für gewöhnlich das Risiko, sich zu trennen. In der Studie von Joyner und Kollegen (2017) war das auch so — aber nur für Hetero- und Männerpaare. Für Frauenpaare war das Risiko einer Trennung gleich hoch, egal, ob sie zusammenwohnten oder nicht. 

Warum das so ist, ist bislang unklar. Wissenschaftler vermuten, dass das daran liegen könnte, dass Frauenpaare mehr Wert auf Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und Offenheit legen (Dunne, 1997). Man kann sich vorstellen, dass Zusammenziehen für Paare mit diesen Werten nicht nur stabilisierend wirken kann.

…heiraten schon!

Aber was zusätzliche Stabilität bringt, ist deiner Herzdame das «Ja»-Wort zu geben. Eine Ehe stabilisiert Paare, weil sie mit Vertrauens- und Beziehungsinvestitionen einhergeht und das scheint für alle Formen der Ehe zu gelten.

Einige Studien finden sogar, dass es KEINEN Unterschied in der Beziehungsdauer mehr gibt, wenn man statistisch berücksichtigt, dass weit weniger homosexuelle Paare verheiratet sind (Rosenfeld, 2014).

Ergo wenn du sie heiratest, kannst damit rechnen, genauso lang mit ihr zusammen zu sein, wie das durchschnittliche Heteropaar (hm…das klingt für mich irgendwie mehr wie eine Drohung als eine Prophezeiung…aber egal).

Und: wie WIR wissen, kommt es ja auch nicht nur auf die Länge an (…sorry, der musste sein). Wie sieht es mit der Qualität der Beziehung aus? Gibt es dort auch Unterschiede?

Wir sind genauso glücklich und streiten genauso viel

Studien zeigen übereinstimmend, dass Personen in homo- und heterosexuellen Beziehungen über ein ähnliches Maß an Beziehungszufriedenheit und Konflikten berichten (Peplau & Fingerhut, 2007).

Wir sind also genauso zufrieden mit unserer besseren Hälfte, und scheuen uns auch nicht Konflikte auszutragen, was—wenn wir ehrlich sind—auch einfach dazu gehört, oder?

Hauptsache ihr habt euch danach wieder lieb!

Wir sind gleichberechtigter

Worin es aber tatsächlich Unterschiede zu geben scheint, ist in der Rollenverteilung: Homosexuelle Partner teilen sich die Hausarbeit gleichberechtigter auf als heterosexuelle Partner (Peplau & Fingerhut, 2007). YES!

Also auch wenn wir heiraten, ist es nicht, um das altbackene 50er Jahre Rollenbild von Dr. Oetker zu kopieren, sondern wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Wir sind uns genauso (un)treu

Zu guter Letzt fand ich die Infos, nach denen ich eigentlich suchte: Nein, wir sind unseren Herzdamen nicht treuer.

In einer Studie aus den 80ern berichteten 28 % der Frauen in einer homosexuellen Beziehung, Sex außerhalb ihrer Partnerschaft gehabt zu haben. Im Vergleich dazu waren es 82 % der Männer in einer homosexuellen Beziehung und 21 % der Frauen und 26 % der Männer in einer heterosexuellen Beziehung (Peplau & Fingerhut, 2007).

Leider konnte ich keine aktuelleren Studien dazu ausfindig machen.

Aber es sieht so aus, als können wir in Sachen (Un)Treue mit Heteros „mithalten“. Dödöm.

Fazit und Zusammenfassung

Hier noch mal die Fakten im Überblick…

Zur Beziehungsdauer:
1. Homosexuelle Beziehungen haben ein größeres Trennungsrisiko als heterosexuelle (ergo sind im Schnitt kürzer)
2. Zusammenziehen wirkt nicht stabilisierend für Frauenpaare (für heteros und Männerpaare schon)
3. Heiraten ist ein stabilisierender Faktor für alle

Zur Beziehungsqualität:
4. Wir lieben und streiten uns genauso viel
5. Wir sind gleichberechtigter in Sachen Haushalt
6. Wir sind uns genauso (un)treu wie Heteros (aber immerhin deutlich weniger als Männerpaare ;))

Also habt euch lieb und heirate deine Herzdame, wenn du sie gefunden hast!

Bei beidem, finden und behalten, werden wir dich weiterhin mit unserer Klugscheißerei zur Seite stehen.

A Personal Note

Am Ende noch eine kurze persönliche Notiz: Auch wenn ich das Recherchieren für diesen Artikel ultra spannend fand, hab ich mich schon gefragt, was dieser Vergleich zwischen Heteros und Homos eigentlich soll?

Was mich daran besonders stört ist, dass die Hetero-Beziehung als „ideal“ rüberkommt und die Ergebnisse des Vergleichs womöglich auch politisch/ideologisch eingesetzt werden könnten. Warum würden wir überhaupt Unterschiede erwarten? Und was ist an diesem Vergleich interessant, wenn es angeblich keine ideale Beziehungsform gibt? Man würde sich ja zum Beispiel auch nicht für den Vergleich der Beziehungsdauern von Fussball- vs. Basketballfans interessieren. Einfach, weil keine der beiden Kategorien für die Frage relevant ist.

Vermutlich ist es aber der jahrzehntelangen Forschung zu Hetero-Beziehungen geschuldet und der Tatsache, dass es die häufigere Beziehungsform ist. Wenn dich der Vergleich nervt, bist du also in guter Gesellschaft. Und ich kann dir versprechen, dass ich mich bemühen werde, in meiner Forschung spannendere Fragen zu stellen. 😉

Referenzen

Dunne, G. A. (1997). Lesbian lifestyles: Women’s work and the politics of sexuality. Basingstoke, UK: Macmillan Press.

Joyner, K., Manning, W., & Bogle, R. (2017). Gender and the stability of same-sex and different-sex relationships among young adults. Demography, 54(6), 2351–2374. https://doi.org/10.1007/s13524-017-0633-8

Peplau, L. A., & Fingerhut, A. W. (2007). The close relationships of lesbians and gay men. Annual Review of Psychology, 58(1), 405–424. https://doi.org/10.1146/annurev.psych.58.110405.085701

*die fachlich richtigere Bezeichnung wäre gleich- vs. verschiedengeschlechtliche Beziehung, da die Begriffe homo- und heterosexuell, die sexuelle Orientierung von Individuen beschreiben – und klar, es können auch zwei Frauen zusammen sein, bei der sich nur eine als «lesbisch» identifiziert (awa?). Aber auch die geschlechtliche Identität einer Person ist nicht durch das biologische Geschlecht bestimmt. So richtig «gleichgeschlechtlich» ist eine Beziehung also dann auch wieder nicht, wenn sich eine der Frauen beispielsweise als non-binär oder androgyn identifiziert. Deshalb habe ich mich im Sinne eurer Zeit für die kürzere Variante entschieden 😉

**Es gibt rund 20 Studien zu diesem Thema. Hier sind noch ein Paar weitere Quellen, die zum gleichen Ergebnis kommen: Andersson et al. 2006; Balsam et al. 2008; Blumstein & Schwartz 1983; Gates 2006; Kalmijn et al. 2007; Kurdek 1998; Lau 2012; Manning et al. 2016

Katharina

Welche Erfahrung hast du in deinem Freundes- und Bekanntenkreis gemacht? Welche Paare haben die stabilere Beziehung?

2 Kommentare
  1. Avatar
    Laura sagte:

    Sehr schöner und humorvoller Beitrag – danke! Der Text animiert dazu, sich zu „vergleichen“ und innerhalb der Ergebnisse einzureihen. Ich bin nun seit mehr als fünf Jahren glücklich und treu liiert und wohne seit fünf Jahren mit meiner Partnerin zusammen – somit habe ich die genannte kritische Schwelle überstanden :)) whoop whoop. Zum Thema einer Heirat kommt es regelmäßig seitens meiner Partnerin (es ist Ihr größter Herzenswunsch), aber unabhängig davon empfinde ich unsere Beziehung auch ohne den Bund der Ehe als gefestigt. Für mich gilt es trotzdem das berühmt-berüchtigte „verflixte siebte Jahr“ zu überstehen. 😉 Ob es wohl ein purer Aberglaube ist? Vielleicht aber auch die größte Ausrede ever? Oder ganz klar einfach nur Bammel vor dem nächsten Schritt? Ich kann es nicht beantworten – aber ich bleibe dran! <3

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      Katharina sagte:

      Hi Laura,

      danke für deinen interessanten Kommentar und die Blumen!! Es freut mich, dass du und deine Partnerin, eine harmonische und stabile Beziehung führt – auch ohne Trauschein und «obwohl» ihr zusammenwohnt. Wir brauchen mehr Paare, wie euch, die die Statistik wieder gerade rücken 😉

      Das mit dem 7. Jahr fand ich interessant und musste ich unbedingt nachschauen! Scheinbar gibt es wohl tatsächlich Studien, die zeigen, dass das Trennungsrisiko für Ehen (!) im 7. Jahr am höchsten ist. Allerdings scheint das nur ein statistischer Artefakt zu sein: Es gibt einfach Paare, die sich irgendwann scheiden lassen und deren Trennungsrisiko steigt von Jahr zu Jahr immer weiter an. Wenn man diese nun zusammen mit den anderen Ehen, die sich nie trennen werden, in einen statistischen Topf schmeißt, sind nach ein paar Jahren die stabile Ehen in der Mehrheit, sodass das Trennungsrisiko insgesamt betrachtet wieder abnimmt. Dadurch gibt es in vielen Studien einen Höhepunkt des Trennungsrisikos um das 7. Jahr.

      Also, wenn ihr doch noch heiratet, gebt euch einfach Mühe zur zweiten Kategorie von Ehepaaren zu gehören 😉 (und ladet uns gefälligst ein :P)

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