Kann man die sexuelle Orientierung eines Menschen tatsächlich am Gesicht erkennen?

In den vergangenen Jahren hat sich die Software zur Gesichtserkennung immer weiter entwickelt. Wissenschaftler der Stanford University haben damit versucht einen echten „Gaydar“ zu bauen – einen Algorithmus, der die sexuelle Orientierung eines Menschen am Gesicht erkennt. Und tatsächlich war die Trefferquote ihrer künstlichen Intelligenz nicht schlecht. Allerdings stellte sich nun raus, dass die Maschine nicht wirklich auf das Gesicht „schaut“, sondern andere Aspekte in einem Profilbild für ihre Vorhersage benutzt. Merkmale, die man zum Glück selbst im Griff hat.

Lesedauer

Ca. 5 Minuten

Die Entwicklung der Gaydar-Maschine

Vor zwei Jahren machte eine Studie von Forschern der Stanford University Furore in der LGBTI-Community: Die Psychologen, Yilun Wang und Michal Kosinski, entwickelten einen Algorithmus, der angeblich die sexuelle Orientierung einer Person am Gesicht erkennen konnte.

Dazu sammelten sie rund 35.000 Bilder von Dating-Apps und die Angaben der jeweiligen Nutzer dazu, ob sie am gleichen oder anderen Geschlecht interessiert sind. Mit Hilfe dieser Bilder trainierten sie einen Algorithmus und testeten danach, ob er die sexuelle Orientierung bei Personen vorhersagen kann, deren Bilder der Algorithmus zuvor noch nicht «gesehen» hatte.

Das überraschende Ergebnis: Der Algorithmus konnte mit einer Trefferquote von 83% vorhersagen, ob eine Frau auf Frauen steht! Bei Männern war er sogar noch genauer: Bei ihnen lag die Trefferquote bei 91%.

Die Reaktion der LGBTI-Community

Diese Studie führte zu einen regelrechten Aufschrei in der LGBTI-Community, die sich durch die automatische Gesichtserkennung der sexuellen Orientierung bedroht sah. Immerhin ist in vielen Ländern auf der Welt Homosexualität unter Strafe gestellt.

Kosinski bekam in den Wochen nach der Veröffentlichung sogar Todesdrohungen. Die beiden Forscher gaben in einem Interview mit der New York Times an, mit ihrer Studie auf diese neuen Möglichkeiten hinweisen zu wollen.

Sie wollten zeigen, was möglich ist und Menschen genau davor warnen. Der Image-Schaden beider Forscher war dennoch enorm. Von den psychischen Belastungen durch die Bedrohungen ganz abgesehen.

Aber was sieht die Gaydar-Maschine wirklich?

Seit der Veröffentlichung gab es verschiedene Versuche die Studie zu wiederholen. Mit überraschenden Ergebnissen: Zunächst, ja, man kann einen Algorithmus trainieren die sexuelle Orientierung auf einem Profilbild zu erkennen.

ABER was er genau «sieht» und für diese Vorhersage auswertet, ist tatsächlich nicht klar.

Wang und Kosinski behaupteten in ihrer Studie nämlich, dass ihre Ergebnisse eine Theorie stützen, die besagt, dass sexuelle Orientierung noch vor der Geburt durch den Hormoncocktail im Bauch der Mutter verursacht wird. Je nach Konzentration von weiblichen und männlichen Geschlechtshormonen, würde die sexuelle Orientierung und auch das Gesicht eines Menschen anders geformt. Das würde der Algorithmus wiederum lernen und für die Vorhersage bei neuen Gesichtern benutzen.

Tatsächlich zeigen neuere Untersuchungen aber, dass der Algorithmus wesentlich schlechtere Vorhersagen macht, wenn man den Bildhintergrund, die Haare, Make-up etc. von den Bildern entfernt, also nur das reine Gesicht zeigt. Das weist darauf hin, dass der Algorithmus Anderes beachtet als die reinen Gesichtszüge!

Andere Studien zeigten tatsächlich, dass sich die Bilder von homo- und heterosexuellen Dating-Profilen deutlich unterscheiden. Beispielsweise lächeln lesbische Frauen auf ihren Profilbildern weniger als heterosexuelle Frauen.

Entweder sind wir wirklich unglücklicher (was neue Daten der EU-LGBTI-Studie tatsächlich zeigen), oder wir stellen uns gerne als ernst und nachdenklich dar, weil wir glauben, dass das für andere Frauen attraktiv ist.

Weiterhin trugen homosexuelle Frauen weniger Make-Up als heterosexuelle. Ah was?

Es sieht also so aus, als ob der Algorithmus auf andere Merkmale trainiert werden kann und diese unsere sexuelle Orientierung preisgeben.

Was bedeutet das für die LGBTI-Community?

Zunächst einmal liefern die Befunde von Wang und Kosinski keine Unterstützung für die gewagte Theorie des pränatalen Hormonspiegels als „Ursache für Homosexualität“.

Diese ist sowieso umstritten, weil sie auch nahelegt, dass die sexuelle Orientierung mit der Geburt feststeht. Und das widerlegen verschiedene Studien unserer heimlichen Heldin, Prof. Lisa Diamond, die zeigt, dass sich die sexuelle Orientierung im Laufe des Lebens verändert. Es gibt auch einen interessanten TED Talk von ihr, indem sie darüber spricht, inwiefern die Theorie, dass Menschen als homo- oder heterosexuell geboren werden, den Kampf der Community um Anerkennung und Gleichheit erschweren kann.

Eine weitere gute Nachricht der neuen Erkenntnisse ist, dass wir die Merkmale, welche die Maschine erkennt, selbst beeinflussen können. Wer seine sexuelle Orientierung nicht preisgeben möchte, kann sich entsprechend verstellen. Auch wenn das aus europäischer Sicht vielleicht merkwürdig erscheint, ist es dennoch ein Hoffnungsschimmer für homosexuelle Frauen und Männer, die in Regimen leben, welche Homosexualität unter Strafe stellen.

Meine Aufforderung an Wang und Kosinski wäre also zu untersuchen, was der Algorithmus tatsächlich «sieht», diese Ergebnisse ebenfalls zu veröffentlichen und damit die Community tatsächlich zu unterstützen.

Fazit

Nein, man kann die sexuelle Orientierung nicht am Gesicht eines Menschen erkennen.

Wohl aber an anderen Merkmalen, wie Make-up, Haare oder Lächeln, welche ebenfalls auf unseren Profilbildern zu finden sind.

Auch aus diesem Grund beinhaltet unser Aquema-Gaydar neben wissenschaftlichen Fragen auch Fragen zum Aussehen und Kleidungsstil. Diese sind also gar nicht so unwissenschaftlich wie sie vielleicht auf den ersten Blick daherkommen. 😉

Doch was heißt das für dich als Single Dame, die noch auf der Suche nach ihrer Traumfrau ist? Es heißt ganz klar: Du siehst die sexuelle Orientierung einer Frau nicht an und demnach kannst du jede Frau, die dir gefällt ansprechen und schauen wohin es führt.

Wenn dich das Ansprechen viel Überwindung kostet, kannst du lernen mutiger zu werden, oder ihr auch einfach deine Nummer zustecken (dass sie sich dann meldet, funktioniert mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit).

Referenzen

Wang, Y., & Kosinski, M. (2018). Deep neural networks are more accurate than humans at detecting sexual orientation from facial images. Journal of Personality and Social Psychology, 114(2), 246–257.

Erste Reaktionen der Presse zu ethischen Fragen hinter der Studie: https://www.theguardian.com/technology/2017/sep/07/new-artificial-intelligence-can-tell-whether-youre-gay-or-straight-from-a-photograph

Interview mit Yilun Wang und Michal Kosinski zu den Gründen hinter der Gaydar-Maschine: https://www.nytimes.com/2017/10/09/science/stanford-sexual-orientation-study.html

Studie mit neuen Erkenntnissen dazu, was der Gaydar wirklich „sieht“: https://medium.com/@blaisea/do-algorithms-reveal-sexual-orientation-or-just-expose-our-stereotypes-d998fafdf477

https://www.theregister.co.uk/2019/03/05/ai_gaydar/

Aktuelle Daten zu Lebenszufriedenheit von LGBTI in Europa: https://fra.europa.eu/en/publication/2020/eu-lgbti-survey-results

TED Talk von Prof. Lisa Diamond: https://www.youtube.com/watch?v=RjX-KBPmgg4

Katharina

Wie gut funktioniert dein Gaydar? Worauf achtest du bei einer anderen Frau?

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