Warum Online-Dating sowohl der Himmel als auch die Hölle ist

Viele Singles setzen bei der Partnersuche auf Online-Plattformen und Apps. Ist doch super – man hat eine riesige Auswahl an potenziellen Partnerinnen und kann sozusagen jede Frau auf dieser Welt daten. Aber so einfach ist es nicht. Denn obwohl wir eine groβe Auswahl mögen, macht gerade sie es uns schwerer, uns zu entscheiden! Je mehr Möglichkeiten wir haben umso unzufriedener sind wir mit jeder und auch mit derjenigen, die wir letztendlich wählen. Was kann man dagegen tun?

Lesedauer

Ca. 7 Minuten

Wenn du heute Single und auf der Suche nach deiner Traumfrau bist, kannst du dich glücklich schätzen! Bevor Online-Dating und Apps aufkamen, war man beschränkt auf die Single-Frauen, die man bei der Arbeit, über Freunde, im Baumarkt, in der Disco oder in der örtlichen Bar treffen konnte. Dazu kam die quälende Frage, ob SIE überhaupt auf Frauen steht.

Dating-Apps und Online-Plattformen machen es uns möglich, uns sozusagen mit jeder frauenliebenden Frau der Welt zu verabreden – und zwar bequem vom eigenen Sofa aus. Wir können gezielt auf Apps und Plattformen suchen, in denen frauenliebende Frauen zu finden sind. Wie praktisch! Das sollte die Chancen, die Frau fürs Leben zu finden, doch vervielfachen.

Wenn es einfacher ist, auf Dating-Sites und Apps Liebe zu finden, warum aber gibt es  heute in der westlichen Welt mehr Singles als je zuvor? Und warum berichten viele Benutzer der Dating-Plattformen oft über ihre „Tindermüdigkeit“ und „Dating-Burnout“?

Die Erklärung kann in der komplizierten Beziehung gefunden werden, die wir Menschen zu der Wahlmöglichkeit haben: Auf der einen Seite mögen wir es, viele zu haben, weil sie die Chance erhöhen, genau das zu finden, was wir suchen. Auf der anderen Seite sind laut Psycholog*innen viele Wahlmöglichkeiten mit einigen großen Nachteilen verbunden: Wenn Menschen viele Wahlmöglichkeiten haben, werden sie zunehmend unzufriedener mit der Auswahl und auch mit ihrer letztendlichen Wahl.

Nerd-Alarm – Für alle, die es genauer wissen wollen

Das Auswahl-Paradox

Das dahinter vermutete Phänomen wird im Englischen auch als „choice overload“ bezeichnet und stammt aus der Entscheidungspsychologie. Es betrifft u.a. das Kaufverhalten bei unterschiedlich hoher Vielfalt von Produkten. Das Phänomen wurde erstmals in einer Feldstudie von Sheng Iyengar und Mark Lepper im Jahr 2000 gezeigt. Ihre Studie zeigte, dass zu viele Entscheidungsalternativen die Entscheidungsfindung behindern. Das klingt erstmal plausibel, oder? Aber das paradoxe ist, dass wir Menschen es trotzdem bevorzugen mehr statt weniger Auswahl zu haben. Und so begeben wir uns immer wieder in Situationen der Überforderung und sind am Ende mit unseren Entscheidungen unglücklicher, als wir es mit weniger Auswahl gewesen wären. Barry Schwartz hat 2004 darüber ein Buch geschrieben und empfiehlt**:

1. Nimm freiwillige Einschränkungen Deiner Wahlfreiheit an, anstatt gegen sie zu rebellieren.
2. Suche das, was „gut genug“ ist, anstatt das Beste zu suchen.
3. Senke Deine Erwartungen an die Ergebnisse von Entscheidungen.
4. Achte weniger darauf, was andere um Dich herum tun.

Das Auswahl-Paradox im Online-Dating

In ihren aktuellen Studien wollten die Psychologen Tila Pronk* und Jaap Denissen von der Tilburg University in den Niederlanden herausfinden, ob das Auswahl-Paradox die Probleme erklären kann, die Menschen mit Online-Dating haben. Dazu schufen sie eine Dating-Plattform, die der Dating-App „Tinder“ ähnelte, um zu untersuchen, wie sich Menschen bei der Online-Partnerwahl verhalten.

In ihren Studien präsentierten sie ihren TeilnehmerInnen (die alle hetero & Single waren und einen Partner suchten) Bilder von hypothetischen (Studie 1) oder echten, potentiellen Dating-Partnern (Studie 2). Für jedes Bild mussten die TeilnehmerInnen entscheiden, ob sie diese Person daten würden oder nicht.

Die Ergebnisse zeigten, dass die TeilnehmerInnen beim Durcharbeiten der Fotos immer selektiver wurden. Am ehesten akzeptierten sie die erste Partneroption und mit jeder weiteren Option lehnten sie diese mit zunehmender Wahrscheinlichkeit ab.

Das klingt erstmal recht unspektakulär, aber wenn man es sich überlegt, gibt es ja keinen Grund, das 15. Profil mit einer höheren Wahrscheinlichkeit abzulehnen als das 5. Und tatsächlich führte bei Frauen die ablehnendere Haltung auch tatsächlich dazu, dass sie mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen Partner trafen.

Diese Studien legen also nahe, dass Online-Dating eine ablehnende Haltung auslöst. Aber warum passiert das?

Die Auswahl macht uns selektiv und pessimistisch

In einer letzten Studie untersuchten die Forscherinnen die psychologischen Mechanismen, die für die ablehnende Haltung verantwortlich sind. Sie stellten fest, dass die TeilnehmerInnen beim Durchgehen der Profile eine abnehmende Zufriedenheit jeder einzelnen Option erlebten. Zusätzlich hatten sie auch immer weniger Vertrauen in ihren  Erfolg, eine passende Partnerin zu finden. Diese beiden Prozesse erklären, warum die TeilnehmerInnen begannen, mehr Möglichkeiten abzulehnen je mehr sie ansahen. Mit jedem weiteren Profil, das sie sahen, wurden sie unzufriedener und entmutigter.

Fazit: Der grosse Pool an Möglichkeiten macht selektiv, weil man immer unzufriedener mit den Optionen und zunehmend entmutigt wird. Das schmälert am Ende auch die Chancen, tatsächlich jemanden zu finden.

Aber was kannst du dagegen tun?

Heisst das, wir sollten alle Apps löschen und zurück in die Bar oder zur Frauenparty gehen? Nicht unbedingt, auch wenn das sicher eine gute und vielleicht auch angenehmere Form der Partnersuche ist.

Die Forscherinnen empfehlen, sich bei der Online-Partnersuche auf eine überschaubare Anzahl zu beschränken. In einer durchschnittlichen Tinder-Sitzung durchläuft der typische Benutzer 140 Partneroptionen! Stell dir mal vor, du wärst in einer Bar mit 140 Frauen, lässt sie in einer Reihe aufstellen, lernst über jede ein wenig und schubst sie dann je nach „Eignung“ nach links oder rechts. Wahnsinn, oder? Es scheint, als seien wir Menschen evolutionär nicht darauf vorbereitet, mit so vielen Wahlmöglichkeiten umzugehen.

Wenn du also zu den frustrierten und ermüdeten Single-Frauen gehörst, die Dating-Apps verwenden, versuch mal diese beiden Strategien:

1) Beschränke dich darauf, maximal fünf Profile anzusehen und dann die App zu schließen. Wenn du die Profile durchgehst, solltest du dir bewusst sein, dass du dich am ehesten zum ersten Profil hingezogen fühlst. Versuche, bei jedem weiteren Profil mit derselben Neugier hinzuschauen, wie beim ersten.

2) Ein restriktiver Filter ist hilfreich. Was ist dir wirklich wichtig im Leben und an deiner zukünftigen Partnerin? Bei unserer Aquema-App kannst du zum Beispiel nach Kinder- und Heiratswunsch filtern. Wärst du tatsächlich bereit, einen Kompromiss einzugehen, wenn es um solche Fragen geht? Eben. Also warum solche Profile überhaupt ansehen?

Durch eine Begrenzung deiner Auswahl kannst du dich vor der Überforderung schützen und wirst vielleicht endlich finden, wonach du suchst.

Fazit

Online-Dating macht es uns schwer, mit den Möglichkeiten und der Wahl unserer Dates zufrieden zu sein, einfach weil es gefühlt unendlich viele Frauen zur Auswahl gibt. Eine Strategie, um dem Auswahl-Paradox entgegenzuwirken: Beschränke die Auswahl. Ja, das klingt erstmal nicht so attraktiv, aber das ist genau das Paradoxe: Mehr Auswahl ist eben nicht gut für unsere Entscheidungsfindung. Übrigens: wann warst du das letzte Mal im Baumarkt?

 

Referenzen

Pronk, T. M., & Denissen, J. J. (2020). A rejection mind-set: Choice overload in online dating. Social Psychological and Personality Science, 11(3), 388–396. https://doi.org/10.1177/1948550619866189

Schwartz, B. (2004). The paradox of choice: Why more is less. New York: HarperCollins Publishers Inc.

Iyengar, S. & Lepper, M. (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79, 995–1006.

*Tila Pronk ist Assistenzprofessorin für Sozialpsychologie an der Universität Tilburg, Beziehungstherapeutin und tritt auch als Expertin für Beziehungen in Fernsehsendungen auf. Jaap Denissen ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Tilburg.

**Mehr Informationen über das Auswahl-Paradox und Schwartz’ Buch (in Englisch)

Katharina

Ist Online-Dating für dich Himmel oder Hölle?

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