Woher kommt die sexuelle Orientierung – Gene oder Umwelt?

Vermutlich kennst du das kanadische Zwillingspärchen Tegan and Sara, die mit ihrer gleichnamigen Band innerhalb der Community und auch darüber hinaus bekannt sind. Tegan und Sara sind eineiige Zwillinge und beide stehen auf Frauen. Moment mal! Heißt das etwa, dass Homosexualität vererbt wird? Ja, aber nur zu einem geringen Teil. Denn wie eine aktuelle Studie zeigt, sind Gene weit weniger für unsere sexuelle Orientierung verantwortlich, als man bislang dachte.

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Ca. 5 Minuten

Andrea Ganna und Kolleg*innen (2019) führten die bisher größte genomweite Assoziationsstudie zu diesem Thema durch. Diese umfasste fast eine halbe Millionen Menschen aus Großbritannien, den USA und Schweden. Die Wissenschaftler*innen überprüften, welche Gene mit einer Präferenz für das gleiche Geschlecht verantwortlich sein könnten und wie viel der sexuellen Orientierung auf die genetische Disposition einer Person zurückzuführen ist.

Das überraschende Ergebnis: Genetische Unterschiede konnten nur einen kleinen Teil der sexuellen Orientierung “erklären” – und zwar gerade mal 8 bis maximal 25%!! Die sexuelle Orientierung ist also weit weniger erblich bedingt als man bislang geglaubt hat. Tegan und Sara sind also eher Ausnahme als die Regel.

Nerd-Alarm – Für alle, die es genauer wissen wollen

Die Methoden der Studie kurz erklärt

Ganna und Kolleg*innen (2019) verwendeten Daten von zwei grossangelegten Genomstudien (die UK Biobank mit 408.995 Individuen und 23andMe mit 68.527 Individuen aus den USA sowie drei kleinere Datensätze u.a. aus Schweden) und untersuchten Zusammenhänge zwischen sogenannten Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs) und der sexuellen Orientierung. SNPs sind geerbte bzw. vererbbare Unterschiede zwischen einzelnen Nukleotidbasen in der DNA. Sie bilden rund 90% aller genetischen Unterschiede im menschlichen Genom ab. Der Begriff der Mutation hingegen beschreibt rein zufällige, nicht-vererbte Veränderungen des Genoms, welche die restlichen 10% ausmachen.

Neben den SNPs hatten die Forscher*innen Angaben der Personen über ihr Sexualverhalten (z. B. ob sie jemals mit einer Person gleichen Geschlechts Sex hatten), aber auch zu Anziehung durch das gleiche Geschlecht. Sie untersuchten dann den statistischen Zusammenhang zwischen den SNPs und diesen Angaben in insgesamt 5 verschiedenen Stichproben mit zusammen über einer halbe Millionen Menschen.

Die Ergebnisse: Gene erklären vergleichsweise wenig unserer sexuellen Orientierung

Bei der Analyse der SNPs entdeckten die Wissenschaftler fünf sogenannte Loci, also Chromosomenabschnitte, die mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten zusammenhingen: Zwei Loci bei beiden Geschlechtern, zwei weitere spezifisch bei Männern und eines spezifisch bei Frauen. Bei Männern waren es also 4 und bei Frauen nur 3 Loci. Bei Männern spielt Erblichkeit also eine größere Rolle beim gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten als bei Frauen.

Insgesamt war die Zahl der Loci aber für beide Geschlechter vergleichsweise gering. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Anzahl der Loci, die in allen genomweiten Assoziationsstudien von 2005 bis 2018 gefunden wurden, liegt bei 13.6 (Mills, 2019). Da die Stichproben in diesen Studien mittlerweile aber auf über eine Million Individuen gestiegen sind, finden viele Studien seit 2016 nun Hunderte oder sogar Tausende von Loci bei anderen Eigenschaften oder Verhaltensweisen (Mills, 2019).

Insgesamt wurde der Beitrag aller gemessenen SNPs in der Summe auf 8 bis 25 % der Variation im gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten geschätzt, wobei die Spanne unterschiedliche Schätzungen durch Verwendung verschiedener Analysemethoden widerspiegelt.

In zwei weiteren Stichproben fanden die Wissenschaftler*innen auch Zusammenhänge der von Ihnen identifizierten Gene und der Anziehung durch das gleiche Geschlecht und das u. a. auch bei Teilnehmer*innen im Alter von 15 Jahren. Das deutet darauf hin, dass sich genetische Einflüsse auf gleichgeschlechtliches Sexualverhalten schon früh in der sexuellen Entwicklung auswirken. Eigentlich „wussten“ wir es doch alle schon immer, aber dann kommt eben die Umwelt noch hinzu…

Erbe oder Umwelt – woher kommt jetzt die sexuelle Orientierung?

Bei dieser Frage halten sich die Wissenschaftler*innen zurück. Sie sagen, dass ihre Ergebnisse keine endgültigen Rückschlüsse über die Erbe-Umwelt-Debatte zulassen und vermuten, dass ein Zusammentreffen (sog. Interaktionen) von Erbe und Umwelt eine wichtige Rolle spielt. Beides, Erbe und Umwelt wirken also zusammen und manche Gene kommen erst in einer bestimmten Umwelt zum Tragen.

Dass sexuelle Orientierung nicht maßgeblich genetisch bedingt sein kann, zeigt auch ein weiteres Ergebnis aus dem Artikel, nämlich, dass der Anteil der Personen mit gleichgeschlechtlichen Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen ist (siehe Grafik, oben) und das, obwohl wir uns weniger fortpflanzen als heterosexuelle Menschen (siehe Grafik, unten). Bei Frauen mit Geburtsjahr 1950 waren es noch 2% Frauen die schon einmal etwas mit einer Frau hatten und bei Frauen mit Geburtsjahr 1970 schon rund 6%. Jaaaaa, wir werden immer mehr. Wenn es so weitergeht, macht ein Drittel der Frauen mit Geburtsjahr 2090 im Laufe ihres Lebens eine Erfahrung mit einer anderen Frau.

Was bedeuten diese Ergebnisse für den gesellschaftspolitischen Diskurs über sexuelle Orientierung?

Vielmals findet man in der Diskussion um die sexuelle Orientierung die Verankerung in den Genen als Argument für deren „Natürlichkeit“ und auch dafür, dass man diese weder willentlich ändern noch umerziehen könnte. Die Befunde dieser Studie ziehen diese Argumente zumindest ein Stück weit in Zweifel. Aber das ist keinesfalls problematisch für die Fortführung der Debatte um unsere sexuelle Selbstbestimmung.

Denn wie Carolin Emcke in ihrem Buch “Wie wir begehren” argumentiert, wollen wir doch letztlich in einer Gesellschaft leben, in der wir frei entscheiden dürfen, wen wir lieben als in einer Gesellschaft, die uns nur so akzeptiert, weil wir nicht anders können. Das Argument der genetischen Disposition ist also nicht nur wissenschaftlich fragwürdig, sondern auch gesellschaftspolitisch zu kurz gegriffen. Wir wollen begehren, wie es uns gefällt. Gene hin oder her.

Fazit und Zusammenfassung

Was solltest du nun aus diesem Artikel mitnehmen? Hier das wichtigste noch einmal zusammengefasst:

  1. Deine sexuelle Orientierung entstand durch ein Zusammenspiel von deinen Genen und deiner Umwelt.
  2. Vererbung spielte dabei nur eine geringe Rolle, denn nur 8-25 % des gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens geht auf erblich bedingte Unterschiede in den Genen zurück. Vielleicht rufst du heute trotzdem deine Mum an und dankst ihr für den Fakt, dass sie eine weitere (homosexuelle) Frau auf diese Welt geboren hat. 🙂
  3. Wir werden immer mehr! Die Zahl der Frauen mit gleichgeschlechtlicher Erfahrung steigt seit Jahrzehnten und der Trend geht weiter. Damit steigen auch deine Chancen, mit uns die eine fürs Leben zu finden.

Wenn du dir deiner sexuellen Orientierung unsicher bist, dann mach doch unseren kostenlosen Test „Aquma-Gaydar“ (Bin ich lesbisch?).

Referenzen
Ganna, A., et al. (2019). Large-scale GWAS reveals insights into the genetic architecture of same-sex sexual behavior. Science, Vol. 365, Issue 6456, DOI: 10.1126/science.aat7693

Mills, M.C. (2019). How do genes affect same-sex behavior? Science, Vol. 365, Issue 6456, DOI: 10.1126/science.aay2726

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